Öffentlicher Fachartikel
Schallpegel und Reichweite im Freien
Berechnungsgrundlagen für geometrische Pegelabnahme, Luftabsorption und meteorologische Planungsreserven im erweiterten Sprachbereich von 300 bis 5000 Hz.
Kurzinformation
Ingenieurmässige Berechnungs- und Beurteilungsgrundlage. Die vereinfachten Ansätze dienen der Vorplanung; für Abnahme, Immissionsprognose oder kritische Beschallung sind bandbezogene Simulation und Messung erforderlich.
1. Berechnungsmodell im Freien
Für eine kompakte Quelle im Fernfeld und einen Messpunkt innerhalb der betrachteten Abstrahlrichtung gilt:
Lp,2(f) = Lp,1(f) − 20 log10(r2/r1) − α(f)·(r2−r1)/1000 − AReserve
| Grösse | Bedeutung | Einheit |
|---|---|---|
| Lp,1, Lp,2 | Schalldruckpegel am Referenz- und Empfangspunkt | dB SPL |
| r1, r2 | Referenz- und Hörerentfernung | m |
| α(f) | frequenzabhängiger atmosphärischer Absorptionskoeffizient | dB/km |
| AReserve | Planungsreserve für Meteorologie, Toleranzen und Pegelschwankungen | dB |
Die Richtwirkung ist im gemessenen oder spezifizierten Achspegel enthalten. Ein hoher Directivity Index erhöht den Pegel in der Hauptabstrahlrichtung, ändert bei einer endlichen Quelle im Fernfeld jedoch nicht automatisch den geometrischen 1/r-Abfall des Schalldrucks.
| Entfernung | Dämpfung gegenüber 1 m | bei 122 dB SPL @ 1 m |
|---|---|---|
| 2 m | 6,0 dB | 116,0 dB |
| 4 m | 12,0 dB | 110,0 dB |
| 8 m | 18,1 dB | 103,9 dB |
| 16 m | 24,1 dB | 97,9 dB |
| 32 m | 30,1 dB | 91,9 dB |
| 40 m | 32,0 dB | 90,0 dB |
2. Luftabsorption im Sprachbereich 300–5000 Hz
Die molekulare Luftabsorption ist frequenzabhängig und wird zusätzlich zur geometrischen Ausbreitungsdämpfung angesetzt. Für etwa 20 °C und 50–70 % relative Feuchte gelten folgende Grössenordnungen:
| Frequenz | α ungefähr | Zusatzverlust auf 40 m |
|---|---|---|
| 300 Hz | 1,5–1,7 dB/km | ≈ 0,06 dB |
| 500 Hz | 2,7–2,8 dB/km | ≈ 0,11 dB |
| 1 kHz | 4,7–5,0 dB/km | ≈ 0,20 dB |
| 2 kHz | 9–10 dB/km | ≈ 0,4 dB |
| 4 kHz | 23–30 dB/km | ≈ 0,9–1,2 dB |
| 5 kHz | 33–44 dB/km | ≈ 1,3–1,8 dB |
3. Wind, Temperaturgradient und Turbulenz
Wind absorbiert den Schall nicht wie ein poröser Absorber. Relevanter sind vertikale Wind- und Temperaturgradienten: Mitwind kann Schallstrahlen zum Boden zurückbiegen, Gegenwind kann sie anheben und Schattenzonen erzeugen. Eine konstante Winddämpfung in dB/m ist deshalb fachlich nicht belastbar.
| Situation | Überschlägige Reserve | Bewertung |
|---|---|---|
| Kurze Strecke, schwacher Wind | 0–1 dB | Geometrische Rechnung meist ausreichend |
| Normale Outdoor-Planung | 3 dB | Sinnvolle Basisreserve |
| Wechselnder oder leichter Gegenwind | 6 dB | Risikozuschlag, kein Windgesetz |
| Deutlicher Gegenwind, lange bodennahe Strecke | keine Pauschale | Simulation, Messung oder Delay-Lautsprecher erforderlich |
Bodenreflexionen können zusätzlich frequenzselektive Einbrüche verursachen. Diese lassen sich mit einem einzigen Breitbandzuschlag nicht zuverlässig erfassen.
4. Beispiel: 122 dB SPL bei 1 m, Ziel 90 dB
Ideales Freifeld: 32 dB zulässige Dämpfung; r = 1032/20 ≈ 39,8 m.
Mit 0,04 dB/m Luftdämpfung: 90-dB-Grenze ungefähr bei 35 m.
Mit Luftdämpfung und 3 dB Planungsreserve: 90-dB-Grenze ungefähr bei 27 m.
Der Ausgangswert muss ein für die Anwendung nutzbarer breitbandiger Dauer- oder Langzeitpegel sein. Ein Peakwert beschreibt kurze Signalspitzen und ist kein belastbarer Zielwert für kontinuierliche Sprachversorgung. Power Compression kann den realen Pegel im längeren Betrieb zusätzlich reduzieren.
5. Schnellrechner
6. Grenzen und korrekte Anwendung
- Die Rechnung gilt auf der betrachteten Achse und im Fernfeld der Quelle.
- Maximalpegel, Bezugsentfernung, Messsignal und Frequenzbereich müssen zusammenpassen.
- Sprachverständlichkeit hängt zusätzlich von Signal-Rausch-Abstand, Verzerrung, Frequenzgang und Reflexionen ab.
- Bei grösseren Distanzen sind Oktav- oder Terzbandrechnungen einem einzigen Summenpegel vorzuziehen.
- Die Pegelverteilung ist nach der Vorplanung an mehreren Hörerpositionen zu messen.
7. Quellen und Normen
- ISO 9613-1:1993: Acoustics — Attenuation of sound during propagation outdoors — Part 1.
- ISO 9613-2:2024: Acoustics — Attenuation of sound during propagation outdoors — Part 2.
- IEC 60268-16:2020: objektive Beurteilung der Sprachverständlichkeit mit STI.
- ETH Zürich, R. Pieren: Lehrunterlagen zur Schallausbreitung im Freien.
Änderungslog
- Version 1.0 (23.08.2026): Neuer öffentlicher Fachartikel mit Berechnungsgrundlagen, Praxisbeispielen und Quellenhinweisen.