WIMA MKS2 vs. überdimensionierte Elkos im Signalweg
Physikalische Erklärung, warum WIMA MKS2 Folienkondensatoren trotz extrem niedrigem ESR im Audiopfad stabil arbeiten, während überdimensionierte Elkos durch ESR/ESL-Kombinationen Schwingneigungen begünstigen können.
KB-ID EL000003 · Version 1.0 · Stand 16.07.2026
Inhaltsverzeichnis
Bei der Restauration von Revox- und Studer-Audiokarten ergibt sich ein scheinbarer Widerspruch: Einerseits wird vor dem Einsatz massiv überdimensionierter Elektrolytkondensatoren (z. B. 100 V statt 16 V) gewarnt, weil deren extrem niedriger Innenwiderstand (ESR) Schwingneigungen in analogen Transistorschaltungen provozieren kann. Andererseits wird der Einsatz von WIMA MKS2 Folienkondensatoren empfohlen, deren ESR nochmals um ein Vielfaches geringer ist und fast gegen Null geht. Dieses Dokument klärt die physikalischen Hintergründe auf, warum Folien trotz ultraniedrigem ESR absolut stabil arbeiten.
1. Frequenz-Linearität und elektrochemische Trägheit
Ein Elektrolytkondensator ist ein elektrochemisches System, das auf Ionenbewegung in einer Flüssigkeit basiert. Ein Folienkondensator hingegen nutzt ein rein elektrostatisches, festes Kunststoffdielektrikum.
Das Verhalten des überdimensionierten Elkos:
Um bei einer Nennspannung von 100 V die kapazitiven Verluste der dickeren Isolierschicht auszugleichen, muss die Aluminiumfolie extrem lang und grossflächig ausgelegt werden. Diese riesige, aufgeraute Struktur besitzt eine hohe elektrochemische Trägheit. Bei hohen Audiofrequenzen und darüber hinaus verhält sich der ESR unlinear, und es entstehen unvorhersehbare Phasenverschiebungen im Signalweg.
Das Verhalten der WIMA MKS2 Folie:
Die metallisierte Polyesterfolie (PET) der WIMA MKS2-Serie arbeitet rein elektrostatisch und ist völlig frei von chemischen Prozessen oder Flüssigkeiten. Ihr ultraniedriger ESR ist über das gesamte Audioband (20 Hz bis 20 kHz) und weit bis in den Megahertz-Bereich hinein vollkommen linear und stabil. Es treten keine trägheitsbedingten Phasenfehler auf.
Die absolute Linearität der WIMA-Folie sorgt dafür, dass das Audiosignal den Kondensator ohne jede zeitliche oder phasenbezogene Verzerrung passiert. Am Messplatz zeigt sich dies durch eine perfekt flache Phasenlinie und exzellente Impulstreue (scharfe Rechtecksignale). Für phasenempfindliche Dynamikprozessoren wie das dbx 150 Kompandersystem ist diese Stabilität ideal, da jegliches Regelpumpen im Hochtonbereich eliminiert wird.
2. Die parasitäre Serieninduktivität (ESL) als Schwingungsursache
Ob eine Schaltung stabil bleibt oder hochfrequent schwingt, entscheidet in der Praxis selten der ESR allein. Der entscheidende Faktor ist das Zusammenspiel mit der parasitären Serieninduktivität (ESL).
Die Entstehung parasitärer Schwingkreise beim Elko:
Die Aluminiumfolien im Inneren eines Elkos bestehen aus langen Streifen, die zu einer engen Rolle (einem Wickel) aufgerollt sind. Jede aufgerollte Leiterbahn bildet physikalisch eine Spule und besitzt daher eine hohe Serieninduktivität (ESL). Kombiniert man nun den niedrigen ESR eines 100 V-Elkos mit seiner signifikanten ESL, entsteht im Inneren des Kondensators ein hocheffektiver, parasitärer LC-Schwingkreis. Trifft dieser Schwingkreis im Megahertz-Bereich exakt die Grenzfrequenz der Revox-Audiotransistoren, fängt die Verstärkerstufe unkontrolliert an zu schwingen.
Die axiale Stirnseitenkontaktierung der WIMA-Folie:
WIMA setzt bei der MKS2-Serie das sogenannte Schopierungs-Verfahren ein. Hierbei werden die Stirnseiten des fertig gewickelten Folienpakets flächig mit einer Zink-Schicht besprüht. Die Anschlussbeinchen werden direkt auf diese Metallschicht gelötet. Der Strom fliesst dadurch nicht spiralförmig "im Kreis herum" durch den Wickel, sondern auf kürzestem, axialem Weg von einer Stirnseite zur anderen. Die ESL der WIMA MKS2 ist dadurch extrem gering und geht gegen Null.
Weil bei der WIMA-Folie aufgrund des Schopierungs-Verfahrens fast keine parasitäre Induktivität vorhanden ist, kann sich trotz des ultraniedrigen ESR kein Schwingkreis im Megahertz-Bereich ausbilden. Die analogen Verstärkerstufen der Revox-Maschinen bleiben absolut stabil, ruhig und schwingungsfrei. Das Schwingungsrisiko existiert somit primär bei falsch dimensionierten, induktiven Elkos, nicht aber bei hochwertigen Audio-Folienkondensatoren.
3. Der Kapazitäts-Formfaktor und die 4,7 µF-Grenze
Wenn Folienkondensatoren elektrisch so überlegen sind, stellt sich die Frage, warum historische Audiogeräte nicht ausschliesslich mit Folien bestückt werden. Die Einschränkung ist rein mechanischer Natur.
Die Energiedichte im Vergleich:
Flüssiges Elektrolyt und die hauchdünne, geätzte Oxidschicht eines Elkos ermöglichen eine extrem hohe Energiedichte pro Volumeneinheit. Eine Kunststofffolie benötigt bei gleicher Kapazität ein Vielfaches an physischem Raum.
- Bis 4,7 µF: In diesem Kapazitätsbereich ist es WIMA gelungen, die MKS2-Folie so kompakt zu konstruieren, dass sie im standardisierten Rastermass 5 mm (RM5) gefertigt werden kann. Sie besitzt damit exakt die gleiche Stellfläche wie ein kleiner Elko und passt perfekt auf die originalen Revox-Platinen layoutet.
- Über 4,7 µF (z. B. 47 µF oder 100 µF): Ein Folienkondensator mit diesen Werten wäre so gross wie eine Kaffeetasse. Er würde mechanisch niemals auf die eng gesteckten Audioplatinen passen.
Nutzen Sie für alle Kapazitätswerte auf den Platinen bis einschliesslich 4,7 µF konsequent die WIMA MKS2 (RM5) Folienkondensatoren. Sie ersetzen damit fehleranfällige Tantalperlen und kleine Elkos dauerhaft. Für alle grösseren Werte (ab 10 µF aufwärts) wechseln Sie aus Platzgründen auf spezialisierte bipolare Audio-Elektrolytkondensatoren (z. B. Nichicon Muse ES-Serie). Diese bieten die kompakte Bauform des Elkos, minimieren jedoch durch ihren internen, antiseriellen Aufbau die chemischen Verzerrungen im Wechselspannungssignal des Audio-Pfades.
Zusammenfassung für das Werkstatt-Archiv
| Bauteil-Typ | ESR (Innenwiderstand) | ESL (Induktivität) | Verhalten im Signalweg |
|---|---|---|---|
| Überdimensionierter Elko (z. B. 100 V) | Niedrig (chemisch unlinear) | Hoch (Spulenwicklung) | Risiko: Bildet parasitäre Schwingkreise. Schwinggefahr für Transistoren. |
| WIMA MKS2 Folie (bis 4,7 µF) | Ultraniedrig (absolut linear) | Extrem niedrig (Schopiert) | Optimal: Maximale Impulstreue und Phasenstabilität ohne Schwingneigung. |
| Bipolarer Audio-Elko (> 4,7 µF) | Niedrig (linearer als Standard-Elkos) | Moderat | Bester Kompromiss: Verhindert K3-Klirrfaktor bei grossen Kapazitäten aus Platzgründen. |
Quellen und Hinweise
- Werkstatt- und Restaurationspraxis bei analogen Revox-/Studer-Audiokarten.
- Elektrotechnische Grundlagen zu ESR, ESL, parasitären LC-Schwingkreisen und kapazitiver Signalübertragung.
- Bauteilpraxis zu metallisierten Folienkondensatoren, bipolaren Audio-Elkos und mechanischen Baugrössen im Leiterplattenlayout.
Änderungslog
- v1.0 · 16.07.2026: Bestehender Artikel in den TechWiki-Metadatenstandard v3.2 übernommen und nach KB-ID umbenannt.